Erkenntnisse

Angeborene Gefässfehlbildungen sind selten, aber nicht harmlos. Sie sind von Geburt an angelegt, wachsen mit dem Kind mit, bilden sich nicht zurück und werden häufig erst im Jugend- oder Erwachsenenalter durch Schmerz, Schwellung, Blutung, Infekt oder eine sichtbare Entstellung auffällig. Weil sich hinter derselben Diagnose sehr unterschiedliche Krankheitsverläufe verbergen, lässt sich aus der Bezeichnung allein kaum ableiten, was einer einzelnen Patientin oder einem einzelnen Patienten hilft.

An der Verbesserung der Diagnostik und Behandlung dieser Patientinnen und Patienten hat die Stiftungsratspräsidentin über viele Jahre am Inselspital Bern mit ihrer Forschung gearbeitet. Die daraus hervorgegangenen Erkenntnisse sind in zahlreichen Publikationen festgehalten. Nach ihrer Emeritierung an der Universität Bern bringt sich Prof. em. Dr. med. Iris Baumgartner auch heute noch im Rahmen der Stiftung ein. Neben der Öffentlichkeitsarbeit diskutiert sie die neuesten Forschungsresultate weiterhin mit internationalen Kolleginnen und Kollegen und macht dieses Wissen über die Stiftung für Betroffene nutzbar.

Übersichtsarbeiten zu Angiodysplasien, zu kongenitalen arteriovenösen Malformationen und zu vaskulären Muttermalen richten sich an Haus-, Kinder- und Fachärztinnen und -ärzte, bei denen Betroffene zuerst vorstellig werden. Verzögerte oder falsche Diagnosen sind in diesem Feld die Regel, nicht die Ausnahme, hier lässt sich mit wenig Aufwand viel gewinnen.

Die Stiftungsratspräsidentin hat vor fast 20 Jahren am Inselspital Bern das prospektive Berner Register VASCOM (Bernese VAScular COngenital Malformations) aufgebaut, das Grundlage für viele wissenschaftliche Arbeiten der Berner Arbeitsgruppe ist. Das Register erlaubt, was Einzelfallserien nicht können, Zusammenhänge zwischen klinischem Bild, Anatomie, Genetik und Behandlungsergebnis bei denselben Menschen zu verfolgen.

Klassifikation und internationale Konsensusdokumente. Eine gemeinsame Sprache ist die Voraussetzung dafür, dass Zentren ihre Erfahrungen überhaupt vergleichen können. Die Berner Arbeitsgruppe hat an den massgeblichen internationalen Konsensusdokumenten zur Behandlung arteriovenöser Malformationen (IUA 2013), zu Diagnose und Therapie venöser Malformationen (IUP 2015) und zu den diagnostischen Leitlinien für vaskuläre Anomalien insgesamt (ISVI-IUA 2015) mitgeschrieben. Aus Bern selbst stammen die Beschreibung der kapillär-venulären Malformation als mikrofistuläre Variante der arteriovenösen Malformation und eine phlebographische Zusatzklassifikation, die den Aufbau venöser Malformationen beschreibt.

Anhand des Berner VASCOM Registers wurde das Krankheitsspektrum bei mehr als 500 Schweizer Patienten systematisch analysiert. Schmerz war bei allen Formen der Gefässfehlbildungen das führende Symptom. Weitere Begleitprobleme waren Blutung und Hautulzeration bei arteriovenösen, lokalisierte Gerinnungsstörung bei venösen und Infekte bei lymphatischen Malformationen. Beinlängendifferenzen traten bei syndromalen Formen zehnmal häufiger auf. Weitere Arbeiten galten den arteriovenösen Malformationen in ihren einfachen und syndromalen Ausprägungen sowie, gemeinsam mit dem Freiburger Register, den komplexen lymphatischen Anomalien.

Fast alle diese Fehlbildungen entstehen durch somatische Mutationen, die nur im erkrankten Gewebe vorliegen und in der Regel nicht vererbt werden. In Bern wurde ein tumorgenetisches Sequenzierpanel in die Abklärung eingeführt und damit gezeigt, dass die selteneren PIK3CA-Varianten ausserhalb der bekannten «Hotspots» in einem höheren Anteil der Zellen vorliegen und signifikant häufiger mit syndromalen Verläufen einhergehen. In arteriovenösen Malformationen konnte die Arbeitsgruppe eine bislang unbekannte Veränderung im Gen RIT1 nachweisen, die den RAS-MAPK-Signalweg überaktiviert und sich im Modell durch einen MEK-Hemmer blockieren lässt. Damit rückt für eine Krankheit, die bisher fast ausschliesslich mechanisch behandelt wird, erstmals eine medikamentös zielgerichtete Option in Reichweite.

Gemeinsam mit Ingenieurinnen und Ingenieuren wurden die Strömungsverhältnisse in peripheren arteriovenösen Malformationen quantitativ charakterisiert und die Machbarkeit einer stereotaktischen, MRI-gestützten Navigation für die Punktion tiefliegender Malformationen mit dem Ziel Eingriffe planbarer und den Zugang präziser zu machen, geprüft.

Die Berner Gruppe hat eigene Resultate der interventionellen Behandlung arteriovenöser Malformationen veröffentlicht und für die venösen Malformationen die bislang einzige Vergleichsstudie mit Kontrollgruppe vorgelegt. Es konnte gezeigt werden, dass die Alkoholembolisation den alltäglichen Dauerschmerz signifikant reduzieren kann. Die Arbeit hat aber auch die Komplikationen dieser Behandlung aufgezeigt und darauf hingewiesen, dass für jede Patientin und jeden Patienten ein individualisiertes Therapiekonzept erarbeitet werden sollte.

Gefässfehlbildungen sind zu selten, als dass ein einzelnes Zentrum sie alleine erforschen könnte. Die Berner Arbeiten sind deshalb durchwegs in internationalen Kooperationen entstanden.

Klassifikation und Konsensus. Die drei massgeblichen Konsensusdokumente zur Behandlung arteriovenöser Malformationen (IUA 2013), zu Diagnose und Therapie venöser Malformationen (IUP 2015) und zu den diagnostischen Leitlinien für vaskuläre Anomalien (ISVI-IUA 2015) entstanden unter der Leitung von Prof. Byung-Boong Lee (George Washington University, Washington D.C.), einem der internationalen Wegbereiter dieses Fachgebiets, gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus rund fünfzehn Ländern.

Interventionelle Behandlung. Zur Embolisationsbehandlung arteriovenöser Malformationen besteht eine langjährige Zusammenarbeit mit Dr. Wayne Yakes (Vascular Malformation Center, Englewood, Colorado), dessen Technik die Behandlung dieser Läsionen weltweit geprägt hat.

Genetik. Die molekulare Charakterisierung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Center for Vascular Anomalies der UCLouvain in Brüssel (Prof. Laurence Boon, Prof. Miikka Vikkula), einem der weltweit führenden Labore für die Genetik vaskulärer Anomalien, sowie mit der Universitätsklinik für Kinderheilkunde in Freiburg i. Br. und dem Institut für Pathologie und der Humangenetik in Bern.

Fachgesellschaften und Register. Die Gruppe ist in der International Society for the Study of Vascular Anomalies (ISSVA) und in den europäischen angiologischen Fachgesellschaften vertreten und arbeitet an registerübergreifenden Auswertungen mit, unter anderem zu komplexen lymphatischen Anomalien.

Die bisherigen Auswertungen sind überwiegend retrospektiv und messen Erfolg meist über eine einzelne Schmerzskala. Diese erfasst weder die ästhetische und psychosoziale Belastung sichtbarer Malformationen noch die funktionelle Einschränkung, die Betroffene oft als am stärksten behindernd beschreiben. Nötig sind prospektive, mehrzentrische Kohorten, die klinisches Bild, Anatomie, Genetik und krankheitsspezifische Patientenfragebogen (OVAMA, PROMIS) von Beginn an bei denselben Personen erheben — und Studien, die prüfen, ob zielgerichtete Medikamente wiederholte Eingriffe ersetzen können. Die Stiftung will solche Vorhaben ermöglichen. 

Konsensusdokumente und Klassifikation

  1. Lee BB, Baumgartner I, Berlien HP, Bianchini G, Burrows P, Do YS, Ivancev K, Kool LS, Laredo J, Loose DA, Lopez-Gutierrez JC, Mattassi R, Parsi K, Rimon U, Rosenblatt M, Shortell C, Simkin R, Stillo F, Villavicencio L, Yakes W. Consensus Document of the International Union of Angiology (IUA)-2013. Current concept on the management of arterio-venous malformations. Int Angiol. 2013;32(1):9–36.
  2. Lee BB, Baumgartner I, Berlien P, Bianchini G, Burrows P, Gloviczki P, et al. Diagnosis and treatment of venous malformations. Consensus document of the International Union of Phlebology (IUP): updated 2013. Int Angiol. 2015;34(2):97–149.
  3. Lee BB, Antignani PL, Baraldini V, Baumgartner I, Berlien P, Blei F, Carrafiello GP, Grantzow R, Ianniello A, Laredo J, Loose D, Lopez Gutierrez JC, Markovic J, Mattassi R, Parsi K, Rabe E, Roztocil K, Shortell C, Vaghi M. ISVI-IUA consensus document — diagnostic guidelines on vascular anomalies: vascular malformations and hemangiomas. Int Angiol. 2015;34(4):333–374.
  4. Bernhard SM, Kammer R, Roumet MC, Haupt F, Tuleja A, Schindewolf M, Baumgartner I. A proposal for a revision of the phlebographic classification of congenital venous malformations. Cardiovasc Diagn Ther. 2024;14(2):283–293.

VASCOM-Kohorte: klinische Phänotypisierung

  1. Tuleja A, Bernhard SM, Hamvas G, Andreoti TA, Rössler J, Boon LM, Vikkula M, Kammer R, Haupt F, Döring Y, Baumgartner I. Clinical phenotype of adolescent and adult patients with extracranial vascular malformation. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord. 2023;11(5):1034–1044.e3. doi:10.1016/j.jvsv.2023.03.012
  2. Bernhard SM, Tuleja A, Laine JE, et al. Clinical presentation of simple and combined or syndromic arteriovenous malformations. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord. 2022;10(3):705–712.
  3. Vuillemin N, Bernhard S, Haine A, et al. Capillary-venule malformation is a microfistulous variant of arteriovenous malformation. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord. 2021;9(1):220–225.
  4. Andreoti TA, Berg S, Holm A, Angerer M, Oberlin M, Földi E, Baumgartner I, Niemeyer CM, Rössler J, Kapp FG. Complex Lymphatic Anomalies: Report on a Patient Registry Using the Latest Diagnostic Guidelines. Lymphat Res Biol. 2023;21(3):230–243. doi:10.1089/lrb.2022.0041

Genetik und molekulare Pathogenese

  1. Andreoti TAA, Tuleja A, Döring Y, et al. Parkes Weber Syndrome: Contribution of the Genotype to the Diagnosis. J Vasc Anom. 2023;4(4):e076. doi:10.1097/JOVA.0000000000000076
  2. Andreoti TAA, Maiolo M, Tuleja A, Döring Y, Schaller A, Vassella E, Boon LM, Baumgartner I, Bernhard SM, Zweier C, Vikkula M, Rössler J. Non-Hotspot PIK3CA Variants Have Higher Variant Allele Frequency and are More Common in Syndromic Vascular Malformations. Am J Med Genet A. 2025;197(1):e63883. doi:10.1002/ajmg.a.63883
  3. Kapp FG, Bazgir F, Mahammadzade N, Mehrabipour M, Vassella E, Bernhard SM, Döring Y, Holm A, Karow A, Seebauer C, Platz Batista da Silva N, Wohlgemuth WA, Oppenheimer A, Kröning P, Niemeyer CM, Schanze D, Zenker M, Eng W, Ahmadian MR, Baumgartner I, Rössler J. Somatic RIT1 delins in arteriovenous malformations hyperactivate RAS-MAPK signaling amenable to MEK inhibition. Angiogenesis. 2024;27(4):739–752. doi:10.1007/s10456-024-09934-8

Therapie und Behandlungsergebnisse

  1. Tuleja A, Döring Y, Helfenstein FN, Andreoti TA, Rössler J, Boon LM, Vikkula M, Haupt F, Hamvas G, Bernhard SM, Baumgartner I. Alcohol embolization versus non-invasive treatment for pain relief in peripheral venous malformations: a comparative study. Cardiovasc Diagn Ther. 2025;15(3):598–609. doi:10.21037/cdt-24-529
  2. Yakes W, Baumgartner I. Interventional treatment of arterio-venous malformations. Gefässchirurgie. 2014;19(4):325–330. doi:10.1007/s00772-013-1303-9
  3. Lee BB, Baumgartner I. Contemporary diagnosis of venous malformation. J Vasc Diagn. 2013.

Bildgebung und Hämodynamik

  1. Frey S, Haine A, Kammer R, von Tengg-Kobligk H, Obrist D, Baumgartner I. Hemodynamic characterization of peripheral arterio-venous malformations. Ann Biomed Eng. 2017;45(6):1449–1461. doi:10.1007/s10439-017-1821-9
  2. Schwalbe M, Haine A, Schindewolf M, Baumgartner I, Fuss T. Feasibility of stereotactic MRI-based image guidance for the treatment of vascular malformations: a phantom study. Int J Comput Assist Radiol Surg. 2016;11:2207–2215. doi:10.1007/s11548-016-1417-0

Übersichtsarbeiten

  1. Baumgartner I. Peripheral Venous Malformations: A Narrative Review Linking Phenotype, Genotype, and Pain-Directed Treatment. J Cardiol Clin Res. 2026;14(2):1225. (Open Access)
  2. Baumgartner I. Kongenitale arteriovenöse Malformationen (Editorial). Swiss Med Forum. 2021;21(49–50):840–842.
  3. Willenberg T, Constantinescu MA, Schmidli J, Widmer MK, Gralla J, Kettenbach J, Hoppe H, Do DD, Baumgartner I. Angiodysplasien. Z Gefässmed. 2011;8.
  4. Willenberg T, Baumgartner I. Vascular birthmarks. Vasa. 2008;37:5–17.